Bargen

Bargen

Die evangelische Kirchengemeinde Bargen

aus der Festschrift zum Kirchenjubiläum 1996
Von CHRISTEL SCHEUERMANN

Was wäre eine lebendige Kirchengemeinde ohne Gotteshaus – und was ein Gotteshaus ohne lebendige Kirchengemeinde? Beide gehören untrennbar zusammen, und von beiden soll in den folgenden Zeilen noch ausführlich die Rede sein. Mit ihrem wuchtigen, knapp vierzig Meter hohen Turm ragt sie weithin sichtbar ins Land – die Kirche der evangelischen Gemeinde Bargen. In ihrer heutigen Gestalt schon vor fast 200 Jahren erbaut, hat sich um sie herum und in ihr drin so manches Denk- und Merkwürdige zugetragen. Vieles, was es über diese Kirche und ihre Gemeindemitglieder aus jener Zeit und auch lange davor zu berichten gibt, hat uns Pfarrer Adam Leib auf ausführliche und oft bildhafte Weise geschildert. Pfarrer Leib, von 1897 bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1929 evangelischer Seelsorger in Bargen, zählt wohl zu den literarisch beseeltesten Vertretern seiner Zunft in unserem Dorf. Seine “Geschichte der evangelischen Gemeinde Bargen“, als Festschrift zur Einweihung der evangelischen Kirche Bargen am 9.10.1904 erschienen, findet im weiteren Verlauf noch viel Verwendung. Hierzu begeben wir uns zurück zu den Anfängen der evangelischen Gemeinde, in die Zeit um 1550.

Tauf- und Beerdigungsbuch von 1800

Unter dem Lehen des Ehrenbergschen Geschlechtes hielt auch in Bargen die Reformation ihren Einzug. So war Bargen bis zum Jahr 1699 ganz und gar lutherisch, mit eigener Pfarrbesoldung. Die wenigen ansässigen Katholiken mussten kirchliche Handlungen durch den lutherischen Pfarrer verrichten lassen. Berichte, denen zufolge Auseinandersetzungen zwischen Evangelischen und Katholischen stattgefunden hätten, sind aus dieser Zeit nicht überliefert – kein Wunder in Anbetracht der verschwindend kleinen Zahl von Katholiken. Erst 100 bis 150 Jahre später sollte sich im Zusammenleben beider Konfessionen Gewaltiges ändern. Mit Übergang des Lehens Bargen vom Ehrenbergschen Geschlecht an das Hochstift Worms bzw. die (katholischen) Grafen Cratz von Scharfenstein erfolgte im Jahre 1699 die Einführung des Simultaneums, d.h. die Kirche solle von beiden Konfessionen benützt werden, „auf Befehl des gnädigsten Kurfürsten von der Pfalz und mit Zustimmung [seines Bruders] des Bischofs von Worms“. Das war der Anfang eines langen „Leidensweges“ der evangelischen Gemeinde. Ermutigt durch die eigenwilligen Methoden des eingesetzten Dominikanermönchs Schön, der sich ohne jede rechtliche Grundlage quasi im Handstreich die Hälfte der Pfarrbesoldung verschaffte, verließ der evangelische Pfarrer seine Gemeinde in Richtung Aglasterhausen; dort war zu diesem Zeitpunkt die Pfarrei vakant. Dieser Schritt sollte für die Evangelischen lange Zeit schlimme Folgen haben – Bargen war auf einen Schlag seinen Pfarrer los und blieb von 1700 bis 1837 Filiale von Aglasterhausen, sowie von 1837 bis 1846 Filiale von Flinsbach. Für die Zurückgebliebenen begann jetzt die Zeit der Bewährung. Weite Wegstrecken mussten zurückgelegt werden, denn sowohl der Pfarrer aus Aglasterhausen, der seinen Dienst sonntäglich in Bargen zu verrichten hatte, – als auch die Konfirmanden aus Bargen, die zum Unterricht nach Aglasterhausen mussten, gingen die ganze Strecke zu Fuß. All diese Beeinträchtigungen empfand die Gemeinde als großes Unrecht. Mut, gegen dieses Unrecht anzugehen, gab den Evangelischen nicht zuletzt die kurpfälzische Religionsdeklaration von 1705, derzufolge eine Aufhebung des Simultaneums erfolgen sollte. Trotz des Befehls der kurfürstlichen Regierung beim Oberamt Heidelberg, den alten Zustand von 1624 wiederherzustellen, änderte sich nichts. Diese Tatsache wiederum stärkte natürlich den Katholiken den Rücken, und diese holten zum nächsten Rundschlag aus.

Damals wie heute – handschriftliches Kirchenbuch. Begonnen 1800.

Als im Jahre 1724 die Restaurierung der baufälligen Kirche anstand, versuchten wiederum die Katholischen ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen bei der Ausgestaltung des Kircheninneren durchzusetzen – und mit Erfolg. Obwohl zahlenmäßig ihren evangelischen Glaubensbrüdern und Schwestern immer noch deutlich unterlegen, schafften sie es, dass man auf ihre Belange, Bedürfnisse und Gebräuche mehr Rücksicht nahm. Eingriffe katholischer Priester in die sakramentalen Handlungen der evangelischen Pfarrer waren an der Tagesordnung. Es war wahrhaftig eine schwere Zeit, die die Evangelischen zu durchstehen hatten, denn selbst bei der Regierung in der Pfalz stießen sämtliche Klagen auf taube Ohren. Allein die Furcht der Regierung und des Domstifts Worms vor der Macht der evangelischen Staaten und Stände ließ Schlimmeres verhindern. Wie weit ein evangelischer Christ bereit war, Opfer zu bringen, zeigt eine kleine Episode aus den 1770er Jahren. Damals wurde von den Katholischen auf öffentlicher Straße ein Kreuz errichtet (wohl dasselbe, das heute noch an der Wegkreuzung nach Asbach und Kälbertshausen steht), um zu demonstrieren, dass das Dorf katholisch sei. Dies wiederum wollte die Gegenseite verhindern, und so schickte man den Kirchenältesten Georg Hörnle mit einem Protestschreiben nach Dilsberg. Anstatt jedoch Gehör zu finden, steckte man den guten Mann solange in den „Turm“, bis das Kreuz in Bargen stand.

Trotz der im Jahre 1724 vorgenommenen Kirchenrestaurierung ließ sich der bauliche Verfall der Kirche nicht aufhalten; diese befand sich Ende des 18. Jahrhunderts in einem solch trostlosen, baufälligen Zustand, dass sie 1787 verschlossen und der Gottesdienst im Rathaus abgehalten werden musste. Die Pflicht, eine neue Kirche zu bauen, lag beim Hochstift Worms (das zwei Drittel des Zehnten einsteckte). Dies weigerte sich jedoch, seiner Pflicht nachzukommen, woraufhin die Gemeinde (nicht die Kirchengemeinde) 1768 einen Prozess anstrengte. Schließlich beschlagnahmte [„sequestrierte“] die Kurpfalz diese Bargener Abgaben an Worms und ließ daraus eine neue Kirche bauen. Wer jetzt aber glaubte, dass durch diesen Neubeginn auch mit den Streitereien ein Ende wäre, sah sich getäuscht. Der Neubau selbst gab Nahrung zu neuen Streitigkeiten. Schon allein die Wahl des Kirchenplatzes brachte helle Aufregung. Doch dieses eine Mal setzten sich die Evangelischen energisch durch, wenn auch unter Mithilfe einiger katholischer „Abtrünniger“. Die neue Kirche wurde auf den Platz der alten gestellt und die Fundamente im Jahre 1799 gelegt.
Mit Fortschreiten des Kirchenbaus kam es wie gewohnt zu weiteren Dissonanzen. Die Katholiken versuchten aufs Neue, ihre Gebräuche mit Entschlossenheit durchzusetzen. Durch die Einmauerung zweier Weihwasserkessel und die Einrichtung zweier Beichtstühle sollte die Vormachtstellung in der Kirche gefestigt werden. Dies wiederum wollte und konnte die evangelische Gemeinde nicht hinnehmen. Zur Schlichtung der Streitfrage erschien daher am 18.11.1800 eigens eine Regierungskommission in Bargen, brachte jedoch keinen annehmbaren Vergleich zustande. Erst durch das Eingreifen des kurpfälzischen Generallandeskommissariats wurde der bis dahin geltende Status wiederhergestellt.
Es war jedoch blauäugig zu denken, dass damit wieder Ruhe eingekehrt wäre. Noch kurz vor der Einweihung der Kirche im November 1801 kam es bezüglich der Zuweisung beider Sakristeien zu erneuten Spannungen. Nachdem auch hier keine Einigung erzielt wurde, übertrug man die Entscheidung dem kurfürstlichen Generallandeskommissariat. Dieses beschloss, beide Sakristeien bis zu einer endgültigen Klärung dem Zutritt beider Streithähne zu versperren. Nun muss man wissen, was es mit diesen Sakristeien auf sich hatte. So sollte jene Sakristei, auf deren Seite sich die Kanzel befand und die einen inneren Zugang zur Kanzel hatte, der evangelischen Gemeinde zugesprochen werden – einfach aus dem Grund, dass ja der evangelische Pfarrer dieselbe öfter betrete als sein katholischer Kollege. Die Sakristei, die man der katholischen Gemeinde zugedacht hatte, besaß nur einen äußeren Zugang zur Kanzel.
Am Tag der Einweihung, die traditionsgemäß zuerst durch die Katholiken mit dem Frühgottesdienst erfolgte, fanden die Evangelischen beim Eintritt in die Kirche entgegen dem ausdrücklichen Regierungsbefehl sämtliche Gerätschaften wie Weihwasserkessel, Fahnen und Marienbild dort, wo sie beim katholischen Gottesdienst benutzt wurden. Also erging gleich am nächsten Tag ein Bittruf an das evangelisch-lutherische Konsistorium, diesem „Treiben“ der Katholiken Einhalt zu gebieten. Ein Schritt, der die katholische Seite wenig berührte. Das Gerangel um die Ausgestaltung des Kircheninneren zog noch viele Lokaltermine, Vergleichsvorschläge und Beschlüsse nach sich – keine Seite fühlte sich jedoch recht verstanden. Heißestes Streitobjekt aber blieb nach wie vor die Errichtung eines Hochaltars, der sich die Evangelischen mit aller Macht entgegenstemmten, um sich dann letztendlich doch dem Beschluss des kurfürstlichen Hofrats in Mannheim vom 24.5.1803 beugen zu müssen. Wieder hatte die katholische Seite triumphiert. Mehr noch, eigenwillig und ohne rechtliche Grundlagen wurden von diesen weitere Änderungen vorgenommen. Müde geworden durch ständiges Klagen bei der Regierung, fasste die evangelische Gemeinde den Beschluss, sich selbst zu helfen. Als man am zweiten Sonntag nach Aufstellung des Hochaltars denselben mit Ölfarbe bestrichen und den Beichtstuhl vor die katholische Sakristei geschoben vorfand, schien unweigerlich neuer Streit vorprogrammiert. Was dann genau geschah, ist leider – oder Gott sei Dank – nicht überliefert.
Im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte haben sich beide Seiten mehr und mehr beruhigt. Gottesdienste konnten ohne erwähnenswerte Zwischenfälle abgehalten werden, alles schien sich wieder normalisiert zu haben.
Nach wie vor größtes Anliegen der evangelischen Gemeinde blieb jedoch unabänderlich der Wunsch nach einem eigenen Pfarrer. Seit Wegnahme der Pfarrbesoldung durch den Dominikanermönch Schön vor annähernd 100 Jahren fehlte im Dorf ein eigenes geistliches Oberhaupt. Ein Ende dieses Zustands zeichnete sich erst durch den Genehmigungserlass einer Kommission der Großherzoglichen Regierung ab, dem evangelischen Pfarrer 410 Gulden und 3 Kreuzer zuzuweisen. Gleichfalls sollte der evangelischen Gemeinde für den Bau eines eigenen Pfarrhauses ein angemessener Platz, das erforderliche Bauholz sowie eine Bürgergabe Holz für den evangelischen Pfarrer durch die politische Gemeinde zugestanden werden. Endlich hatte man nach Jahren voll Hass und Streit einen Weg zum friedlichen Miteinander gefunden.

Bauzeichnung von 1852.

Mit dem Pfarrhausneubau im Jahre 1845 wurde die evangelische Pfarrei wieder zur selbständigen Pfarrei erhoben. Unverzüglich wurde daher mit dem Bau begonnen. Über die Vergabe der Arbeiten an evangelische Gemeindeglieder verhandelten politischer Gemeinderat und evangelischer Kirchengemeinderat gemeinsam. Die Leitung des Baus wurde Werkmeister Beetz aus Sinsheim, der Gesamtbau Adam Grassinger aus Bargen zum Preis von 6.700 Gulden übertragen. Weitere Arbeiten führten aus: Schreinerarbeiten Christoph Thimig zu 710 Gulden, Glaserarbeiten Adam Bauer zu 240 Gulden, Pflästererarbeiten Gregorius Uibelhör zu 95 Gulden und Brunnenarbeit Adam Grassinger zu 90 Gulden. Bereits im Jahre 1852 wurde aufgrund allzu beengter Zustände die Erweiterung des Pfarrhauses in Angriff genommen und bereits im darauffolgenden Jahr fertiggestellt.

Insgesamt hatte der Bau 8.061 Gulden verschlungen, doch hatte man jetzt erreicht, wonach man schon so lange strebte: ein eigenes Pfarrhaus und einen eigenen Pfarrer. Letzterer wurde bereits im Jahre 1851 in seinem Amt bestätigt. Was jetzt noch fehlte, war eine eigene Kirche. Ein Ende des Simultaneums zeichnete sich ab, nachdem eine Kirchenbauinspektion die neuerliche Restaurierung der Kirche für unumgänglich befand. Schon bei Erstellung des Kostenvoranschlags zeigte sich, dass die katholische Gemeinde an einer Beteiligung nicht interessiert war, vielmehr den Bau einer eigenen Kirche anstrebte. Man kam überein, den Evangelischen gegen eine Abstandszahlung von 7.000 Mark die Kirche selbst nebst Glocken, Orgel, lnnenbau und Kirchenplatz zu überlassen. Mit Zustimmung des katholischen Stiftungsrats, der evangelischen Kirchengemeindeversammlung, des evangelischen Oberkirchenrats, des politischen Gemeinderats (laut Grundbuch Eigentümer der Kirche), des Ministeriums der Justiz, des Kultus und Unterrichts sowie des großherzoglichen Bezirksamts war das angestrebte Ziel bald erreicht. Mit Eintragung der Kirche im Grundbuch zu Gunsten der evangelischen Gemeinde vollzog sich am 26.1.1904 offiziell der Eigentumswechsel, und das „ungeliebte Kind“ Simultaneum wurde feierlich zu Grabe getragen. Wieder begannen Restaurierungsarbeiten, die ohne jeden Zwischenfall verliefen, und am Ende des Jahres stand sie stolz und prächtig, genau da, wo sie heute noch steht – die evangelische Kirche Bargen.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kehrte zunächst wieder Leid in die Gemeinde zurück. Noch heute erinnern zwei große Gedenktafeln rechts und links am Ausgang des Kirchenschiffs an die sinnlosen Opfer beider Weltkriege. Diese unrühmlichen Kapitel der Geschichte wurden durch ein erfreuliches Ereignis im Jahre 1951 verdrängt – die Ankunft und Weihe der neuen Kirchenglocken.

Dieses Fest wurde nicht nur von der evangelischen Kirchengemeinde, sondern vom ganzen Dorf feierlich begangen. Alles, was Beine hatte, war unterwegs. Der Zug der Glocken, die per Lastkraftwagen in Kochendorf abgeholt wurden, führte durch die Kälbertshäuser Straße bis zur Kirche. Reiter hoch zu Ross, Ehrenjungfrauen und Schulkinder begleiteten den Zug. Die Häuser und Straßen waren prächtig geschmückt, und die Glocken der katholischen Kirche läuteten den Willkommensgruß. Den Höhepunkt des Festes aber bildete ein feierlicher Gottesdienst mit Glockenweihe.

Ankunft der neuen Glocken 1951.

Erneute Restaurierungsarbeiten standen im Jahre 1978 an, deren Beendigung im Frühjahr 1979 erfolgte. Das Kirchenschiff erhielt ein neues Dach, die Außenfassade einen neuen Anstrich. Auch im Inneren der Kirche wurden sichtbare Veränderungen vorgenommen. So wurde eine neue Heizung eingebaut, der Fußboden neu gelegt, neue Kirchenbänke eingebaut und der Altar verändert. Beim ersten Gottesdienst nach Beendigung aller Arbeiten präsentierte sich die Kirche ihren Gemeindemitgliedern in farblich perfekter Harmonie. Vergessen war die Zeit, in der die Gemeinde ihre Gottesdienste zwangsläufig in der Turnhalle abhalten musste. Das Prunkstück aber war und ist noch heute die restaurierte Orgel. Nur vier Jahre später stand ein weiteres Ereignis ins Haus – die Einweihung des neuen Gemeindehauses, die mit einem Fest der ganzen Gemeinde begangen wurde. Dieses weitere Kleinod entstand durch den Abriss und Neuaufbau sowie Umbau der am Pfarrhaus anhängenden alten Wirtschaftsgebäude.
Den vorübergehenden Abschluss bildete im Jahr 1989 der jetzige Anstrich der Außenfassade, das neue Schieferdach des Kirchturms und die Restaurierung des stark beschädigten Sandsteins. All diese Maßnahmen der letzten Jahre sind nicht zuletzt dem Engagement von Pfarrerin Geraldine Klemm zu verdanken, die nach langjährigem Wirken in unserer Kirchengemeinde neue Aufgaben in der evangelischen Gemeinde Flehingen übernommen hat und Bargen im Jahr 1991 verließ.
Zum festen Bestandteil im Leben unserer Kirchengemeinde gehören schon seit Jahren das traditionelle Sommerfest und der von den Frauen des Frauenkreises gestaltete Weihnachtsmarkt am Samstag vor dem 1. Advent. Beide Veranstaltungen werden von der ganzen Gemeinde zahlreich besucht. Überhaupt hat sich im Zusammenleben beider Konfessionen vor allem in den letzten 20 Jahren vieles zum Positiven verändert. Ökumene wird auch in Bargen großgeschrieben. Bleibt nur zu hoffen, dass auch weiterhin gegenseitige Achtung das Leben in unserer Gemeinde bestimmen wird.